Recht - 10.03.2015

Birgit Fischer, vfa-Hauptgeschäftsführerin, im Interview

Alternativmethoden zu Tierversuchen auf gutem Weg

Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Bild: "vfa / S. Rudolph"


"Unternehmen sind beim Einsatz von Alternativmethoden – und damit beim Schutz von Tieren – zunehmend erfolgreich" – diese Einschätzung vertritt Birgit Fischer, die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). CURRENTA sprach mit ihr.

Frau Fischer, warum sind Alternativmethoden zu Tierversuchen wichtig? Sind Tierversuche nicht zwangsläufig notwendig, um Krankheiten von Menschen zu lindern oder zu heilen?

Birgit Fischer:
Neu erfundene Medikamente, frisch aus dem Labor, bedeuten Hoffnung auf Linderung, Heilung oder Verhinderung von Krankheiten. Aber es könnte sein, dass sie nicht wirksam genug sind oder problematische Nebenwirkungen haben. Deshalb müssen solche Medikamente bestmöglich vorgeprüft werden, ehe sie erstmals von Menschen eingenommen werden. Viele der dazu nötigen Tests werden im Reagenzglas oder in Zellkultur durchgeführt – allerdings nicht alle, denn Zellkulturen haben weder Blutdruck noch Immunsystem und zeigen deshalb nicht, wie sich das Medikament in einem Gesamtorganismus verhält. Es wäre unverantwortlich, diese Prüfungen zu vernachlässigen: mit Tieren. Gleichzeitig ist es im Interesse der Unternehmen, mit so wenig Tieren wie möglich Prüfungen vorzunehmen und möglichst viel mit Alternativmethoden zu klären.

Unternehmen sind beim Einsatz von Alternativmethoden – und damit beim Schutz von Tieren – zunehmend erfolgreich: Pharma- und Medizinprodukte-Unternehmen kamen in Deutschland 2013 mit rund einem Viertel weniger Tiere aus als noch 2010, obwohl sie in dieser Zeit Forschung, Entwicklung und Produktion sogar ausgeweitet haben.

Welchen Stellenwert haben Alternativmethoden zu Tierversuchen im Laufe der Jahre erhalten? Was ist für die Entwicklung verantwortlich?

Birgit Fischer:
Für bestimmte Fragestellungen lassen sich mit menschlichen Geweben zuverlässigere Testsysteme aufbauen. Zudem sind Tierversuche teuer und aufwändig, so dass für Firmen auch ein ökonomisches Interesse besteht, Tierversuche zu ersetzen. Deshalb sind sich Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Behörden und Tierschutzorganisationen einig in dem Anliegen, gute Alternativmethoden zu entwickeln oder Versuche so abzuwandeln, dass sie mit primitiveren Tieren, weniger Tieren oder mit weniger Belastung für die Tiere durchführbar sind. Wenn sich eine Alternativmethode als geeignet erwiesen hat und wenn nicht Gesetz oder Arzneimittelbehörden etwas anderes verlangen, wird sie in der Industrie unverzüglich eingesetzt.

Was kann getan werden, um Tierversuche zu reduzieren, ohne den wissenschaftlichen Fortschritt und die Entwicklung von Medikamenten zum Wohle der Menschen nachhaltig zu beeinträchtigen?

Birgit Fischer
Birgit Fischer: "Unternehmen sind beim Einsatz von Alternativmethoden – und damit beim Schutz von Tieren – zunehmend erfolgreich."

Birgit Fischer: Die Entwicklung von Alternativen zu Tierversuchen wird von öffentlichen Forschungseinrichtungen und Industrielabors vorangetrieben. Dies wird auch durch Förderpreise unterstützt, etwa durch das Bundeslandwirtschaftsministerium oder die Bundesländer Hessen und Berlin. Eine Reihe tierfreier oder tiersparender Testmethoden warten allerdings noch darauf, endlich von den Behörden international als Ersatz für bestimmte verpflichtende Tierversuche akzeptiert zu werden, manchmal schon seit mehr als zehn Jahren; das ist viel zu lang! Hier hoffen die Unternehmen auf Unterstützung aus der Politik und von Tierschutzorganisationen, damit sie möglichst bald umstellen können.

Wie beurteilen Sie das diesbezügliche grundsätzliche Engagement (Entwicklung von Alternativmethoden) der Pharmaindustrie?

Birgit Fischer:
Die Unternehmen entwickeln selbst Alternativen: Aus den Forschungsabteilungen unserer Firmen stammen beispielsweise mehrere Reagenzglastests, mit denen man etliche neu erfundene Arzneistoffe schon als nebenwirkungsträchtig erkennen und ausmustern kann, ehe sie von einem Tier oder gar einem Menschen eingenommen wurden. Tests mit Tieren müssen dann nur noch mit den verbliebenen neuen Stoffen durchgeführt werden. Unsere Mitgliedsfirmen vergeben zum Teil Preise an eigene Mitarbeiter, die Alternativmethoden erfunden haben. Sie fördern aber auch Forscher und Organisationen, die sich darum kümmern, beispielsweise die Stiftung Ersatzmethoden für Tierversuche (set). Der vfa seinerseits unterstützt ebenfalls die set und den Tierschutzforschungspreis des Landes Berlin.

Welche Schritte sind in der Zukunft entscheidend? Welchen Stellenwert haben gesetzliche Vorschriften?

Birgit Fischer:
Das Potenzial für gute Alternativmethoden ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Fortschritte in der Stammzellforschung und Zellkulturtechnik sowie in der nicht-invasiven Diagnostik dürften beispielsweise zu weiteren Alternativen beitragen. Eine zentrale Rolle für die Minderung der Versuchstierzahlen haben aber auch die europäischen, japanischen und US-amerikanischen Zulassungsbestimmungen. Denn jeder darin vorgesehene Tierversuch muss durchgeführt werden. Es kommt also darauf an, dass sie immer wieder auf den neuesten Stand der Testmöglichkeiten angepasst werden. Wir begrüßen sehr, dass die Europäische Zulassungsbehörde EMA hierfür eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet hat.

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