Gesellschaft, 11. Juni 2021

"Bei allen Impfstoffen überwiegt der Nutzen die extrem geringen Risiken"

Experten-Interview

Dr. med. Harald Bischof leitet die ärztlichen Dienste im CHEMPARK.

Bereits Anfang März hatte CURRENTA angekündigt, den CHEMPARK-Unternehmen und ihren Beschäftigten ein Impfangebot zu machen. Diese Woche hat das Impfen endlich begonnen. Anlass für ein Gespräch mit Dr. med. Harald Bischof, Leiter der ärztlichen Dienste im CHEMPARK, über die Impfstoffe.

Steht bereits fest, welche Impfstoffe im CHEMPARK genutzt werden?

Harald Bischof: "Nein. Da wir aber vollständig konform mit den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission impfen werden und das BioNTech-Präparat bestellt haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir genau diesen Impfstoff auch erhalten – vielleicht aber erstmal nicht in dem gewünschten Umfang. Denkbar wäre noch, dass wir Ü60-Mitarbeiter mit AstraZeneca impfen."

Ist AstraZeneca denn sicher?

Harald Bischof: "Selbstverständlich, sonst gäbe es keine Zulassung."

Aber erst durfte AstraZeneca nur Menschen unter 65 verabreicht werden, dann zwischenzeitlich gar nicht mehr und jetzt nur den über 60-Jährigen. Was soll man denn da noch glauben?

Harald Bischof: "Ich kann verstehen, dass dieses Empfehlungs-Hin-und-Her für Verwirrung und Skepsis sorgt. Aber schauen wir genau hin! Zu Beginn gab es schlicht noch zu wenige Daten, um eine Empfehlung für Menschen über 65 auszusprechen, weil die für die Zulassung wichtige klinische Studienphase nur sehr wenige ältere Menschen eingeschlossen hatte. Mittlerweile ist AstraZeneca allein in Deutschland viele Millionen Male verimpft worden und die Europäische Arzneimittelagentur kommt zu dem Schluss, dass der Impfnutzen dieses Präparats mit dem Alter sogar steigt. Im Übrigen überwiegt der Nutzen das extrem geringe Risiko einer seltenen Blutgerinnselbildung auch in den jüngeren Altersgruppen deutlich."

Also keine Zweifel mit Blick auf Astra?

Harald Bischof: "Nein. Als Mediziner kann ich aber sagen: Der Impfstoff von AstraZeneca ist hoch wirksam und gut verträglich. Er schützt zuverlässig vor schweren oder lebensbedrohlichen Krankheitsverläufen und ist in der Handhabung – was die Kühlvorgaben angeht – viel unkomplizierter als die Impfstoffe von BioNTech und Moderna. Es gibt einen geringfügig schlechteren Schutz vor milden Krankheitsverläufen, aber er bewahrt sicher vor dem Krankenhaus. Das Image-Problem hat der Impfstoff vollkommen zu unrecht."

Müssten wir denn nicht noch mehr über das Komplikationsrisiko sprechen?

Harald Bischof: "Wir liegen bei den schweren Fällen von Blutgerinnseln, die mit AstraZeneca in Verbindung gebracht werden, im Bereich der sehr seltenen Nebenwirkungen – also etwa bei 1 zu 100.000. Wem das zu abstrakt ist, der sollte sich Folgendes vor Augen führen: Bei gut 4 Millionen Impfungen mit Astra in Deutschland hat es knapp 60 schwere Komplikationen gegeben, 12 Fälle sind tödlich verlaufen. Das ist schrecklich, keine Frage. Ich will auch das individuelle Leid, das damit verbunden ist, gar nicht herunterspielen – aber das sind etwas mehr als 0,0002 Prozent. Die Fallsterblichkeit des Coronavirus liegt in Deutschland aktuell bei knapp 2,5 Prozent. Oder anders: Wenn 4 Millionen Menschen an CoVid-19 erkranken, werden davon 100.000 sterben."

Kann ich mich als unter 60-Jähriger im CHEMPARK freiwillig für eine Impfung mit AstraZeneca entscheiden?

Harald Bischof: "Nein. Die Freigabe von AstraZeneca für Impfwillige aller Altersgruppen gibt es zwar mittlerweile. Es sollten aber die eigenen individuellen gesundheitlichen Voraussetzungen und möglichen Dispositionen für eine Blutgerinnselbildung berücksichtigt werden. Das kann eigentlich nur der Hausarzt, der die jeweilige Krankenvorgeschichte am besten kennt, mit einem überschaubaren Aufwand leisten, denn dazu muss man schon etwas tiefer einsteigen. Im CHEMPARK würden wir schon mit wenigen dieser intensiven Prüfungen die Kalkulation des Zeitbedarfs pro Impfung völlig aushebeln. Deshalb wird es in unseren Impfzentren kein AstraZeneca für U-60er geben. Das Impfangebot gilt aber trotzdem: Wer als unter 60-Jähriger zu den Mitarbeiter*innen mit erhöhter Priorität zählt, wird, wenn er/sie das wollen, auch geimpft – je nach Verfügbarkeit mit BioNTech oder Moderna."

Können denn Ü-60er den Impfstoff wählen?

Harald Bischof: "Nein. Das geht im CHEMPARK genauso wenig wie in den öffentlichen Impfzentren."

Und wenn jemand lieber warten will, bis er sich den Impfstoff aussuchen kann …?

Harald Bischof: "… ist das natürlich seine Entscheidung. Wir machen ein Impfangebot und jeder kann sich dagegen entscheiden. Aus medizinischer Sicht rate ich allerdings dringend davon ab, die Impfgelegenheit verstreichen zu lassen. Man sollte sich fragen, ob es Sinn macht, dass man in einer noch längst nicht ausgestandenen Pandemie vorerst auf einen sicheren Schutz vor kritischen COVID-19-Krankheitsverläufen verzichtet. Das kann ein tödlicher Fehler sein!"

Wie sieht es denn mit den Nebenwirkungen bei BioNTech aus?

Harald Bischof: "Der BioNTech-Impfstoff war der erste in der EU zugelassene und ist das bisher in Deutschland meistgeimpfte Vakzin. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen oder Muskel- und Gelenkschmerzen, seltener Fieber. Es gibt hier, wie bei allen anderen Impfungen auch, grundsätzlich ein sehr geringes Risiko einer schweren allergischen Reaktion. Wer bereits bei früheren anderen Impfungen mit schweren allergischen Symptomen reagiert hat oder eine bekannte Allergie gegen einen der Inhaltsstoffe hat, sollte sich zunächst mit einem Allergologen besprechen."

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